Das Argument sitzt tief. Schule gilt nicht nur als Ort für Mathematik, Deutsch oder Englisch. Sie soll Kindern beibringen, Rücksicht zu nehmen, Konflikte auszutragen, sich in Gruppen einzufügen und mit anderen Menschen zurechtzukommen. Wer die Schulpflicht infrage stellt, muss deshalb meist nicht lange auf die Frage warten, was aus den sozialen Kontakten der Kinder werden soll.
Dabei werden zwei Dinge miteinander verbunden, die keineswegs dasselbe sind: Kinder brauchen andere Kinder. Und Kinder brauchen Schule. Für den ersten Satz gibt es gute entwicklungspsychologische Gründe. Der zweite folgt daraus nicht.
Was lernen Kinder eigentlich, wenn sie „Sozialverhalten lernen“?
Ein achtjähriges Kind gerät auf dem Fußballplatz mit einem Mitspieler aneinander. Beide wollen den Ball. Es muss verhandeln, nachgeben oder sich durchsetzen. Später sitzt es bei seiner Großmutter am Tisch und merkt, dass dort andere Regeln gelten als mit seinen Freunden. Am Nachmittag erklärt es einem fünfjährigen Nachbarskind ein Spiel und stellt fest, dass es langsamer sprechen und geduldiger sein muss. Keiner dieser Momente trägt die Überschrift „Sozialkompetenz“. Trotzdem lernt das Kind etwas.
Entwicklungspsychologisch entsteht soziales Verhalten in Beziehungen. Kinder beobachten andere Menschen, erleben Reaktionen auf ihr eigenes Verhalten, streiten, kooperieren, werden zurückgewiesen und erfahren Zugehörigkeit. Sie wechseln dabei zwischen verschiedenen Rollen. Gleichaltrige haben daran einen wichtigen Anteil. Mit zunehmendem Alter gewinnen Freundschaften und Peergruppen – Gruppen von Menschen ähnlichen Alters und sozialen Status – an Gewicht. Kinder orientieren sich aneinander und beeinflussen gegenseitig ihr Verhalten.
Dieser Einfluss kann erwünscht sein. Er kann aber ebenso in eine andere Richtung gehen. Studien zu Peer-Effekten zeigen beispielsweise, dass sich prosoziales Verhalten innerhalb von Gruppen verbreiten kann. Dasselbe gilt für aggressives oder normverletzendes Verhalten. Kinder beobachten sehr genau, womit andere Anerkennung gewinnen und welches Verhalten eine Gruppe akzeptiert.
Das macht Schule zweifellos zu einem Ort sozialen Lernens. Es macht sie noch nicht zum notwendigen Ort dafür.
Die seltsame Normalität der Schulklasse
Eine Schulklasse wirkt auf uns so selbstverständlich, dass ihre ungewöhnliche Konstruktion kaum auffällt. Wir nehmen zwanzig oder dreißig Menschen, die innerhalb eines relativ kleinen Zeitfensters geboren wurden, und lassen sie über Jahre einen erheblichen Teil ihres Alltags miteinander verbringen. Erwachsene sind ebenfalls anwesend, allerdings in besonderen Rollen: Sie unterrichten, beaufsichtigen, bewerten und setzen Regeln durch.
Außerhalb von Schule organisieren wir Gesellschaft kaum so. Familien sind altersgemischt. Nachbarschaften sind es ebenfalls. Im Sportverein begegnen Kinder Trainern, älteren und jüngeren Mitgliedern. Im Alltag treffen sie Verkäufer, Handwerkerinnen, Großeltern, Jugendliche oder kleine Kinder. Jede dieser Begegnungen verlangt etwas anderes.
Ein Zehnjähriger spricht mit einem Fünfjährigen anders als mit seinem besten Freund. Vielleicht hilft er dem Jüngeren, erklärt etwas oder wartet. Gegenüber einem Fünfzehnjährigen nimmt er selbst die Rolle des Jüngeren ein. Mit einer fremden Erwachsenen muss er wiederum andere soziale Signale lesen.
Das heißt nicht, dass altersgemischte Gruppen automatisch bessere Menschen hervorbringen. Die Forschung liefert dafür kein so eindeutiges Ergebnis. Studien zu altersgemischten Gruppen finden je nach Setting unterschiedliche Effekte. Teilweise zeigen sich Vorteile beim fürsorglichen Verhalten oder bei Konflikten, teilweise sind die Ergebnisse wenig eindeutig.
Der interessantere Punkt liegt woanders: Unterschiedliche soziale Beziehungen verlangen unterschiedliche Rollen. Eine Schulklasse bietet davon nur einen Ausschnitt.
Sozial heißt nicht automatisch sozial kompetent
Auch innerhalb dieses Ausschnitts lernen Kinder enorm viel über Menschen. Sie erfahren, wer in ihrer Klasse beliebt ist. Wer bestimmt. Wer ausgeschlossen wird. Welche Kleidung Anerkennung bringt. Über welchen Mitschüler man besser keinen Witz macht und bei welchem alle lachen. Sie lernen, wann Widerspruch möglich ist und wann Schweigen sicherer erscheint.
Das alles ist soziales Lernen. Nur würden wir nicht jedes Ergebnis davon als Sozialkompetenz bezeichnen.
Ein Kind kann sich hervorragend an Gruppendruck anpassen. Es kann Hierarchien präzise lesen oder lernen, eigene Unsicherheit vor anderen zu verbergen. Selbst gezielte Ausgrenzung setzt voraus, dass Kinder soziale Beziehungen und Macht innerhalb einer Gruppe verstehen. Schule erzeugt deshalb nicht einfach „Sozialverhalten“. Sie schafft einen bestimmten sozialen Raum, in dem Kinder Strategien entwickeln.
Dieser Raum kann ausgesprochen positiv sein. Eine gute Klassengemeinschaft kann Sicherheit geben. Lehrer können Kooperation fördern und Konflikte konstruktiv begleiten. Freundschaften aus der Schulzeit können Jahrzehnte halten. Forschung zu Programmen des sozialen und emotionalen Lernens zeigt zudem, dass Schulen soziale Fähigkeiten gezielt fördern können.
Aber aus „Schule kann soziale Entwicklung fördern“ wird in öffentlichen Debatten erstaunlich schnell „Kinder brauchen Schule für ihre soziale Entwicklung“. Dazwischen fehlt ein Argument.
Was passiert denn ohne Schule?
Besonders deutlich wird diese Lücke beim Thema Homeschooling. Das Bild ist schnell gezeichnet: Während Schulkinder gemeinsam lernen, sitzt das zuhause unterrichtete Kind allein am Küchentisch. Vielleicht spricht es noch mit Mutter und Vater. Gleichaltrige kommen in seinem Alltag kaum vor.
Unter diesen Voraussetzungen wäre die Sorge um soziale Isolation berechtigt. Nur beschreibt dieses Bild Homeschooling nicht zwangsläufig.
In Ländern, in denen Bildung zuhause legal und verbreitet ist, organisieren Familien gemeinsame Aktivitäten. Es gibt lokale Homeschool-Gruppen, regelmäßige Treffen, gemeinsame Ausflüge und sogenannte Co-ops, in denen Familien Kurse, Projekte oder Lerntage zusammen anbieten. Daneben existiert das normale soziale Leben eines Kindes weiter.
Ein Kind kann montags zum Fußball gehen, dienstags zwei Freunde treffen, mittwochs mit anderen Familien einen Lerntag verbringen und am Wochenende mit einer Jugendgruppe unterwegs sein. Es kann Geschwister haben, Nachbarskinder treffen oder Musikunterricht besuchen. Nichts davon garantiert gute soziale Beziehungen. Aber auch der tägliche Besuch einer Schule garantiert sie nicht.
Genau hier wird die Debatte häufig unsauber. Aus einer sinnvollen Forderung – Kinder dürfen nicht sozial isoliert aufwachsen – entsteht eine Forderung nach einer bestimmten Institution. Dabei müsste die eigentliche Frage lauten: Hat dieses Kind tragfähige und vielfältige soziale Beziehungen? Nicht: Sitzt dieses Kind morgens um acht Uhr in einem Klassenzimmer?
Was die Homeschooling-Forschung tatsächlich sagen kann
Wer an dieser Stelle einen eindeutigen wissenschaftlichen Beweis erwartet, wird enttäuscht. Es gibt Untersuchungen, in denen zuhause unterrichtete Kinder bei sozialen oder psychosozialen Merkmalen ähnlich gut oder teilweise besser abschneiden als Schulkinder. Solche Ergebnisse werden in der Homeschooling-Szene gerne als Beleg dafür angeführt, dass das Sozialisationsargument widerlegt sei.
So einfach lässt sich die Forschung nicht lesen. Viele Studien arbeiten mit Familien, die sich freiwillig beteiligen. Homeschooling-Familien unterscheiden sich zudem möglicherweise schon vor der Entscheidung für diese Bildungsform von anderen Familien. Einkommen, Bildung der Eltern, religiöse oder pädagogische Überzeugungen, Familienstruktur und die Intensität gemeinsamer Aktivitäten können Ergebnisse beeinflussen.
Das nennt die Forschung Selbstselektion. Wenn zwei Gruppen später Unterschiede zeigen, wissen wir deshalb nicht automatisch, ob Homeschooling diese Unterschiede verursacht hat. Für die Gegenbehauptung entsteht allerdings dasselbe Problem: Auch die Annahme, Kinder würden ohne Schule zwangsläufig sozial zurückfallen, lässt sich aus der Forschung nicht ableiten.
Die wissenschaftlich seriöse Antwort fällt unspektakulärer aus: Es kommt darauf an, welche sozialen Erfahrungen ein Kind tatsächlich macht.
Das verschwundene Dorf
Vielleicht lohnt deshalb ein Blick über die Homeschooling-Debatte hinaus. Denn möglicherweise diskutieren wir über Schule, obwohl sich das größere Problem außerhalb ihrer Mauern entwickelt hat.
Kindheit hat sich verändert. Viele Kinder bewegen sich heute weniger selbstständig durch ihre Nachbarschaft als frühere Generationen. Familien leben räumlich weiter auseinander. Freie Nachmittage konkurrieren mit organisierter Betreuung und festen Freizeitangeboten. Erwachsene erleben Kinder häufig entweder innerhalb der Familie oder in professionellen pädagogischen Rollen.
Das sprichwörtliche Dorf bestand dabei nie aus einer idyllischen Gemeinschaft, in der alle freundlich aufeinander achteten. Früheres Aufwachsen hatte eigene Härten und Begrenzungen. Interessant am Bild des Dorfes ist etwas anderes: die Vielfalt der Beziehungen.
Kinder begegneten nicht ausschließlich Menschen, deren Beruf darin bestand, Kinder zu betreuen, und anderen Kindern ihres Jahrgangs. Sie bewegten sich stärker durch die soziale Welt der Erwachsenen. Heute verbringen viele Kinder einen großen Teil des Tages in eigens für sie organisierten Räumen. Morgens Schule. Nachmittags Betreuung. Danach vielleicht ein Kurs oder Verein. Abends Kernfamilie.
Das Kind kann an einem solchen Tag dreißig oder vierzig Menschen begegnet sein und trotzdem nur wenige unterschiedliche soziale Rollen erlebt haben. Vielleicht erwarten wir deshalb inzwischen so viel von Schule. Sie soll Wissen vermitteln, individuelle Schwächen auffangen, Demokratie lehren, Medienkompetenz fördern, Bewegung ermöglichen, psychische Probleme erkennen, gesunde Ernährung vermitteln, Integration leisten und selbstverständlich auch Sozialverhalten hervorbringen.
Je kleiner die sozialen Räume außerhalb von Institutionen werden, desto größer erscheint die Verantwortung der Institution.
Kinder brauchen andere Kinder – aber keine bestimmte Adresse
Der stärkste Einwand gegen Homeschooling bleibt trotzdem bestehen: Eltern, die ihre Kinder außerhalb von Schule lernen lassen, müssen deren soziales Leben mitdenken. Wer auf Schule verzichtet und einem Kind gleichzeitig kaum Kontakte zu anderen Kindern ermöglicht, schafft ein reales Problem. Ein gelegentlicher Besuch bei den Großeltern ersetzt keine Freundschaften. Erwachsene ersetzen keine Peers.
Doch daraus folgt nicht, dass Kinder täglich sechs Stunden mit ungefähr 25 Gleichaltrigen verbringen müssen. Zwischen Isolation und Schulklasse liegt eine erstaunlich große soziale Welt.
Vereine gehören dazu. Nachbarschaften. Freunde. Jugendgruppen. Musikschulen. Geschwister. Homeschool-Gruppen. Gemeinsame Projekte. Ferienangebote. Andere Familien. Und schlicht Zeit, in der Kinder selbst entscheiden können, mit wem sie etwas unternehmen.
In Ländern mit etablierten Homeschooling-Strukturen lässt sich beobachten, dass Familien solche Netzwerke bewusst schaffen. Kinder treffen dort andere Kinder, schließen Freundschaften, lernen gemeinsam oder verbringen ihre Freizeit miteinander. Schule besitzt kein Monopol auf diese Erfahrungen. Sie ist eine Möglichkeit, soziale Kontakte herzustellen – aber eben nur eine von vielen.
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, zwei Fragen wie eine einzige zu behandeln. Brauchen Kinder andere Kinder? Ja. Brauchen sie dafür zwingend Schule? Dafür müsste man sehr viel mehr beweisen als die Tatsache, dass auf einem Schulhof viele Kinder stehen.