Es ist 16.37 Uhr. Ein Kind sitzt am Küchentisch und radiert zum dritten Mal dieselbe Rechenaufgabe aus. Daneben steht eine halbvolle Tasse Kaffee. Die Mutter versucht zu erklären, wie sie selbst schriftlich dividieren gelernt hat. Das Kind schüttelt den Kopf.

„So macht Frau Weber das aber nicht.“

Der Schultag ist seit Stunden vorbei. Die Schule noch nicht.

Hausaufgaben reichen wie kaum eine andere schulische Praxis in den privaten Alltag von Familien hinein. Kinder bringen Arbeit mit nach Hause, Eltern erinnern, erklären oder kontrollieren. Manchmal wird darüber gestritten. Trotzdem wirken Hausaufgaben im Schulalltag fast selbstverständlich.

Warum gibt es sie?

Die häufigste Antwort lautet: Kinder müssen üben.

Das stimmt. Nur beantwortet es nicht die eigentliche Frage.

Üben ja. Aber warum zu Hause?

Lesen lernt man durch Lesen. Das Einmaleins sitzt nicht nach einmaligem Erklären. Wer eine Fremdsprache lernt, muss Wörter wiederholen. Lernen braucht Übung, Anwendung und Zeit.

Daraus folgt allerdings zunächst nur, dass Kinder Gelegenheit zum Üben brauchen. Noch ist damit nicht geklärt, wann diese Übung stattfinden soll, wie lange sie dauern muss oder wer sie begleitet.

Sie könnte auch während des Schultages stattfinden.

Genau hier wird die Debatte oft zu schnell. Aus „Kinder müssen üben“ wird „Kinder brauchen Hausaufgaben“. Beides klingt ähnlich, ist aber nicht dasselbe.

Die interessantere Frage lautet deshalb: Warum verlagert Schule einen Teil notwendiger Lernzeit ausgerechnet aus der Schule heraus?

Was wissen wir über den Nutzen?

Wer Hausaufgaben grundsätzlich für wirkungslos erklärt, macht es sich zu leicht.

Eine bekannte Forschungsübersicht des US-amerikanischen Bildungsforschers Harris Cooper und seiner Kollegen untersuchte Studien aus den Jahren 1987 bis 2003. Insgesamt fanden die Autoren Hinweise auf einen positiven Zusammenhang zwischen Hausaufgaben und schulischer Leistung.

Der Zusammenhang war bei Schülerinnen und Schülern der Klassen 7 bis 12 stärker als bei jüngeren Kindern bis einschließlich Klasse 6. Zugleich wiesen die Autoren darauf hin, dass alle untersuchten Forschungsdesigns methodische Schwächen hatten.

Das ist etwas anderes als der einfache Satz: „Hausaufgaben verbessern die Leistung.“

Bei Jugendlichen, die selbstständig Vokabeln wiederholen, einen Aufsatz vorbereiten oder Mathematikaufgaben für eine Prüfung lösen, lässt sich zusätzliche Lernzeit plausibel mit Lernerfolg verbinden.

Bei einem achtjährigen Kind ist die Lage weniger eindeutig.

Gerade in der Grundschule werden Hausaufgaben aber häufig früh als feste Routine eingeführt. Wer zusätzliche verpflichtende Lernzeit nach dem Unterricht verlangt, sollte deshalb erklären können, welchen konkreten Nutzen diese Zeit für Kinder dieses Alters hat.

Die zweite Schicht

Ein Grundschulkind steht morgens auf, frühstückt und geht zur Schule. Je nach Schulmodell verbringt es dort einen beträchtlichen Teil des Tages. Im Ganztag reicht die organisierte Zeit bis weit in den Nachmittag.

Danach beginnt Freizeit.

Zumindest theoretisch.

Denn im Ranzen liegt vielleicht noch Mathematik.

Die Konstruktion ist so vertraut, dass sie kaum auffällt: Eine Institution verfügt über die Zeit, die ein Kind in ihr verbringt, und weist zusätzlich Arbeit für die Zeit danach zu.

Bei Erwachsenen würden wir genauer fragen, warum regelmäßig Arbeit nach Feierabend anfällt. Schule und Erwerbsarbeit sind nicht dasselbe, und der Vergleich hat Grenzen. Trotzdem bleibt die Zeit eines Kindes seine Lebenszeit.

Nachmittage sind keine pädagogische Reservefläche.

Wenn dieselbe Aufgabe auf völlig verschiedene Familien trifft

Mit der Hausaufgabe wechselt der Ort. Vor allem aber ändern sich die Voraussetzungen.

Manche Kinder kommen nach Hause und finden Bedingungen vor, unter denen sie gut arbeiten können. Sie haben einen ruhigen Platz, einen Erwachsenen, der Zeit hat, und Eltern, die verstehen, worum es in der Aufgabe geht. Vielleicht erklären sie gut. Vielleicht wissen sie auch, wann sie sich besser zurückhalten.

Andere Eltern möchten helfen, können es aber nicht. Mathematik liegt zwanzig Jahre zurück, die Methode aus der eigenen Schulzeit sieht anders aus oder die Aufgabenstellung bleibt selbst für Erwachsene unverständlich. Wer Deutsch nicht sicher beherrscht, stößt möglicherweise schon an sprachliche Grenzen, obwohl er sein Kind gern unterstützen würde.

Dann gibt es Familien, in denen am Nachmittag schlicht niemand verfügbar ist. Beide Eltern arbeiten. Ein Elternteil betreut gleichzeitig kleinere Geschwister. Das Kind sitzt in einer lauten Wohnung, teilt den Tisch mit anderen oder versucht seine Aufgaben in einer Betreuung zu erledigen, in der mehrere Kinder gleichzeitig Hilfe brauchen.

Und natürlich gibt es auch Eltern, die sich wenig für schulische Aufgaben interessieren. Nicht jedes Kind kann darauf zählen, dass jemand nachfragt, ob etwas verstanden wurde, Materialien besorgt oder bei Schwierigkeiten nach einer Lösung sucht.

Geld verändert die Lage noch einmal.

Eine Familie kann Nachhilfe bezahlen, wenn Bruchrechnung oder Rechtschreibung zum Problem werden. Eine andere kann das nicht. Manche Eltern kaufen Übungsmaterial, organisieren Lerntherapie oder finanzieren einen Laptop. Andere Familien müssen mit dem auskommen, was vorhanden ist.

Keine dieser Situationen sagt automatisch etwas darüber aus, wie viel Eltern ihren Kindern grundsätzlich beibringen können. Eltern vermitteln ihren Kindern ständig Wissen, Fähigkeiten, Sprache, Interessen und Erfahrungen. Auch Lernen zu Hause kann bewusst organisiert, anspruchsvoll und erfolgreich sein.

Bei Hausaufgaben liegt das Problem woanders: Die Schule stellt allen Kindern eine Aufgabe, überlässt ihre Bearbeitung anschließend aber sehr unterschiedlichen häuslichen Bedingungen, die sie selbst weder geschaffen noch kontrolliert hat.

Die Aufgabe bleibt gleich. Die Voraussetzungen nicht.

Sobald ein verbindlicher Teil schulischer Arbeit regelmäßig ins Elternhaus wandert, bekommen diese Unterschiede Gewicht.

Wie deutlich sich das auswirken kann, zeigte während der pandemiebedingten Schulschließungen eine deutsche Untersuchung mit Daten des Nationalen Bildungspanels. Für 3.714 Schülerinnen und Schüler der siebten Klasse wurde untersucht, wie gut Eltern ihre Kinder bei schulischer Arbeit zu Hause unterstützen konnten. Die Möglichkeiten unterschieden sich nach sozialem Hintergrund; kulturelle, soziale und ökonomische Ressourcen der Familien spielten dabei eine Rolle.

Die Situation während der Schulschließungen war deutlich extremer als gewöhnliche Hausaufgaben und lässt sich nicht einfach übertragen. Sie macht aber sichtbar, wie unterschiedlich die Voraussetzungen werden können, sobald schulisch vorgegebene Arbeit stärker ins Elternhaus wandert.

Der Küchentisch ist kein einheitlicher Lernort.

Dieselbe Aufgabe, drei verschiedene Nachmittage

Drei Kinder derselben Klasse bekommen dieselben zehn Mathematikaufgaben.

Beim ersten Kind ist am Nachmittag jemand zu Hause. Der Vater schaut kurz über das Blatt und merkt, dass sein Kind einen Rechenschritt falsch verstanden hat. Er erklärt ihn noch einmal. Zehn Minuten später arbeitet das Kind allein weiter.

Das zweite Kind geht nach Unterrichtsschluss in eine Betreuung. Dort sitzen weitere Kinder mit ihren Aufgaben. Hilfe gibt es, aber nicht immer sofort. Bei Aufgabe vier kommt das Kind nicht weiter und lässt sie zunächst aus.

Das dritte Kind kommt nach Hause, während beide Eltern arbeiten. Die Aufgaben macht es allein. Zwei versteht es nicht. Als die Mutter abends nach Hause kommt, ist sie müde und versucht trotzdem zu helfen. Sie kennt das Rechenverfahren anders als ihr Kind. Nach einer halben Stunde sind beide genervt.

Denkbar wäre noch ein viertes Kind. Dessen Eltern buchen zweimal pro Woche Nachhilfe. Schwierigkeiten werden dort aufgefangen, bevor sie sich im Unterricht bemerkbar machen.

Und ein fünftes, bei dem niemand kontrolliert, ob die Hausaufgaben überhaupt gemacht werden.

Am nächsten Morgen bewertet die Schule Ergebnisse, die unter Bedingungen entstanden sind, die kaum vergleichbar sind.

Formal hatten alle dieselbe Aufgabe.

Praktisch hatte jedes Kind eine andere.

Genau darin liegt das Problem, wenn Hausaufgaben als rein individuelle Verantwortung des Kindes behandelt werden. Wie selbstständig ein Kind damit zurechtkommt, hängt eben nicht nur von Motivation oder Disziplin ab.

Elternhilfe ist nicht einfach Hilfe

Auch die Forschung zur Hausaufgabenhilfe liefert kein klares Bild.

Eine deutsche Studie aus dem Jahr 2023 untersuchte die wechselseitigen Beziehungen zwischen elterlicher Unterstützung und schulischem Funktionieren im Grundschulalter. Die Autoren weisen darauf hin, dass frühere Befunde gerade bei Grundschulkindern uneindeutig sind. Entscheidend ist unter anderem, wie Eltern helfen: strukturierend und responsiv oder stark kontrollierend.

Damit lässt sich Elternhilfe kaum als berechenbare Zusatzressource behandeln.

Manche Eltern erklären genau an der richtigen Stelle und ziehen sich wieder zurück. Andere greifen schneller ein. Manchmal entsteht aus gut gemeinter Unterstützung Kontrolle. In anderen Familien fehlt Hilfe genau dann, wenn das Kind sie bräuchte.

Eine qualitative Untersuchung von Eltern und Lehrkräften an Grundschulen zeigte ebenfalls unterschiedliche Bedeutungen von Hausaufgaben. Sie konnten als Verbindung zwischen Schule und Elternhaus erlebt werden, zugleich aber Spannungen über Zuständigkeiten zwischen Lehrkräften, Eltern und Kindern erzeugen.

Aus der kleinen Aufgabe im Ranzen wird damit schnell ein Dreieck: Schule, Kind, Eltern.

Und jede Seite erwartet etwas anderes.

„Mach jetzt endlich deine Hausaufgaben“

Konflikte rund um Hausaufgaben lassen sich leicht als Problem der Familienorganisation deuten.

Vielleicht müsste das Kind früher anfangen. Vielleicht müssten Eltern konsequenter sein. Vielleicht müsste das Smartphone weg.

Manchmal mag das stimmen. Die Belastung verschwindet dadurch aber nicht.

Eine Untersuchung mit Kindern der Klassen 3 bis 6, ihren Eltern und Lehrkräften fand Hinweise auf Langeweile und Frustration. Mehr als ein Viertel der befragten Eltern und Kinder berichtete, Hausaufgaben würden häufig oder immer Familienzeit beeinträchtigen und Machtkämpfe auslösen. 36,8 Prozent der Kinder gaben an, deshalb manchmal weniger Schlaf zu bekommen. Die Autoren bezeichneten ihre Ergebnisse wegen des Forschungsdesigns selbst als vorläufig.

Eine andere Untersuchung fand einen Zusammenhang zwischen höherer Hausaufgabenbelastung und stärkerem Familienstress. Dabei spielte auch eine Rolle, wie sicher sich Eltern fühlten, ihrem Kind überhaupt helfen zu können.

Gerade dort entsteht ein Widerspruch: Eine Aufgabe soll Selbstständigkeit fördern und wird besonders belastend, wenn ein Kind sie gerade nicht selbstständig bewältigen kann.

Dann beginnt zu Hause etwas, das viele Familien kennen. Erinnern, erklären, motivieren, noch einmal erklären. Das Kind will aufhören, der Erwachsene möchte die Aufgabe wenigstens zu Ende bringen.

Und irgendwann fällt der Satz:

„Jetzt konzentrier dich doch endlich.“

Wer übernimmt wessen Aufgabe?

Eltern tragen Verantwortung für die Bildung ihrer Kinder. Sie begleiten Lernen lange vor dem ersten Schultag und weit über Unterricht hinaus. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass jede von der Schule gestellte Aufgabe zur Aufgabe der Familie werden muss.

Die Schule bestimmt Inhalt und Umfang der Hausaufgabe. Das Kind soll sie erledigen. Wenn es die Aufgabenstellung nicht verstanden hat oder fachlich nicht weiterkommt, landet dieses konkrete schulische Problem am Nachmittag zunächst zu Hause.

Manche Familien lösen es mühelos. Andere gar nicht.

Für die Schule hat das einen weiteren Nachteil: Am fertigen Arbeitsblatt lässt sich oft kaum noch erkennen, wie es entstanden ist.

Hat das Kind die Aufgabe selbst verstanden?

Hat der Vater einen Rechenschritt erklärt?

Hat die Schwester die Hälfte vorgerechnet?

Hat das Kind eine Lösung im Internet gesucht?

Wurde eine Stunde gestritten?

Oder hat es morgens schnell bei einem Mitschüler abgeschrieben?

Wenn Hausaufgaben etwas über den tatsächlichen Lernstand verraten sollen, sind solche Unterschiede relevant. Das ausgefüllte Blatt allein erzählt nur einen Teil der Geschichte.

Wenn Lernen ohnehin schwerfällt

Für Kinder mit Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben oder Rechnen verschärft sich die Situation.

Eine Aufgabe, die ein anderes Kind in zwanzig Minuten erledigt, kann deutlich länger dauern. Auf dem Papier ist die Aufgabe identisch, die Belastung ist es nicht.

Eine Studie mit 108 Eltern-Kind-Paaren verglich Familien von Kindern mit Lernbeeinträchtigungen mit einer Kontrollgruppe. Eltern von Kindern mit Lernbeeinträchtigungen berichteten mehr Stress sowie stärkere Gefühle von Frustration, Scham und Schuld im Zusammenhang mit Hausaufgaben.

Aus einer einzelnen, relativ kleinen Studie lässt sich keine allgemeine Aussage über alle Familien ableiten. Der Befund weist aber auf ein grundsätzliches Problem: Einheitliche Aufgaben erzeugen keine einheitlichen Anforderungen.

Wer Schwierigkeiten mit genau der Fähigkeit hat, die geübt werden soll, braucht häufig besonders lange für dieselbe Menge.

Ausgerechnet das Kind, dem Schule ohnehin schwerer fällt, verliert dadurch womöglich noch mehr von seinem Nachmittag an Schule.

Selbstständig oder nur allein?

Hausaufgaben sollen auch Selbstständigkeit fördern.

Eine Aufgabe merken, Materialien mitnehmen, Zeit einteilen, anfangen, obwohl man keine Lust hat, und durchhalten: Das sind Fähigkeiten, die Kinder brauchen.

Doch eine fremdbestimmte Aufgabe selbstständig auszuführen ist zunächst eine Form von Selbstorganisation.

Selbstständiges Lernen kann viel weiter reichen.

Ein Kind, das aus eigenem Interesse einen komplizierten Lego-Mechanismus konstruiert, einen Kuchen backt oder zwei Stunden lang herausfinden möchte, welche Käferart im Garten sitzt, plant ebenfalls, beschafft Informationen, korrigiert Fehler und hält Frustration aus.

Solche Tätigkeiten gelten nur seltener als schulische Selbstständigkeit.

Vielleicht deshalb, weil Schule vor allem jene Selbstständigkeit gut erkennen kann, deren Aufgabe sie selbst gestellt hat.

Das Argument, Hausaufgaben seien schon deshalb notwendig, weil sie Selbstständigkeit erzeugen, greift damit zu kurz.

Ungleichheit beginnt vor der Nachhilfe

Bei sozialer Ungleichheit denken viele zuerst an bezahlte Nachhilfe.

Die Unterschiede beginnen viel früher.

Ein eigener Schreibtisch verändert etwas. Ruhe ebenfalls. Zeit. Gute Deutschkenntnisse. Vertrautheit mit schulischen Anforderungen. Die Möglichkeit, am Nachmittag überhaupt verfügbar zu sein.

Auch Eltern unterscheiden sich darin, welches Wissen sie selbst mitbringen. Einer Mutter fällt die Aufgabe leicht, ein anderer Vater hat mit Mathematik schon während seiner eigenen Schulzeit gekämpft. Manche Eltern wissen, wo sie bei Schwierigkeiten Unterstützung bekommen können. Andere kennen die Möglichkeiten nicht.

Und dann gibt es Geld.

Wenn ein Kind in Mathematik zurückfällt, kann eine Familie private Nachhilfe buchen. Eine andere kann das nicht. Lerntherapie, digitale Lernangebote, zusätzliche Bücher und technische Ausstattung kosten ebenfalls Geld.

Damit entsteht eine eigentümliche Situation: Die Schule gibt allen Kindern dieselbe Aufgabe, aber ein Teil der Familien kann Schwierigkeiten privat ausgleichen.

Andere Kinder müssen mit dem zurechtkommen, was zu Hause vorhanden ist.

Forschung aus Deutschland zeigt, dass elterliche Unterstützungsstrategien sozial strukturiert sein können. Eine Untersuchung mit Daten der TwinLife-Studie fand Hinweise darauf, dass Eltern mit höherem sozioökonomischem Status bei schlechteren schulischen Leistungen ihrer Kinder unter anderem stärker mit Hilfe bei Schularbeiten, Kommunikation und formulierten Erwartungen reagierten.

Das bedeutet nicht, dass Eltern mit weniger Geld oder niedrigerem Bildungsabschluss weniger Interesse an ihren Kindern haben. Es beschreibt unterschiedliche Möglichkeiten.

Und daneben existieren selbstverständlich auch Familien, in denen schulische Bildung tatsächlich wenig Aufmerksamkeit bekommt.

Genau deshalb ist die Verlagerung verbindlicher schulischer Aufgaben ins Elternhaus so heikel: Sie setzt Kinder Bedingungen aus, die sie weder ausgewählt haben noch beeinflussen können.

Hausaufgaben verursachen soziale Ungleichheit nicht. Sie können vorhandene Unterschiede aber unmittelbar in den Lernalltag hineintragen.

Was die Schule bei Hausaufgaben nicht sieht

Der entscheidende Unterschied liegt nicht darin, dass Eltern grundsätzlich schlechter erklären könnten als Lehrkräfte. Viele können ihren Kindern sehr gut etwas beibringen. Manche kennen ihr Kind sogar so genau, dass sie einen passenden Zugang schneller finden.

Die Frage ist eine andere.

Wenn eine Schule eine bestimmte Aufgabe stellt, hat sie ein bestimmtes Lernziel, eine Aufgabenstellung und meist auch eine Vorstellung davon, welche Methode zuvor vermittelt wurde. Findet die anschließende Übung außerhalb der Schule statt, sieht sie nur eingeschränkt, was bei der Bearbeitung geschieht.

Im Unterricht oder in einer schulischen Lernzeit wäre unmittelbar erkennbar, wer die Aufgabenstellung missverstanden hat, wer gar nicht anfangen kann, wer nach zwei Minuten fertig ist oder wer eigentlich schwierigere Aufgaben braucht.

Bei der Hausaufgabe kommen diese Informationen erst später zurück. Manchmal gar nicht.

Das ist kein Argument gegen Lernen zu Hause. Häusliches Lernen als bewusst gestaltete Bildungsform folgt einer anderen Logik: Dort kann die Lernumgebung selbst auf das Kind abgestimmt und Lernen entsprechend organisiert werden.

Bei klassischen Hausaufgaben bleibt dagegen die Schule Urheberin der Aufgabe, während die konkreten Bedingungen ihrer Bearbeitung von Haushalt zu Haushalt wechseln.

Genau diese Konstruktion ist zu prüfen.

Was wäre die Alternative?

Die Alternative zu Hausaufgaben lautet nicht: Kinder üben nicht mehr.

Schulen könnten einen größeren Teil der notwendigen Übung in den Schultag legen. Dort ließe sich direkt erkennen, wo eine Aufgabe zu leicht, zu schwer oder unverständlich ist. Kinder könnten unterschiedlich viel Zeit benötigen, ohne dass diese Unterschiede automatisch in den Familienabend hineinreichen.

Gerade Ganztagsschulen verschärfen die Frage.

Wenn ein Kind bis in den Nachmittag institutionell betreut wird, lässt sich schwerer erklären, weshalb notwendige schulische Arbeit anschließend noch mit nach Hause gegeben werden muss.

Solche Lernzeiten kosten allerdings etwas: Personal, Räume und Zeit im Tagesablauf.

Hausaufgaben verlagern einen Teil dieses Aufwands aus der Schule heraus.

Das sollte zumindest offen benannt werden, wenn über ihre Notwendigkeit gesprochen wird.

Eine Routine, die sich selbst erklärt

Hausaufgaben besitzen einen Vorteil: Fast jeder kennt sie.

Eltern hatten Hausaufgaben. Großeltern ebenso. Lehrkräfte kennen sie aus ihrer eigenen Schulzeit.

Dadurch wirken sie weniger wie eine pädagogische Entscheidung als wie ein fester Bestandteil dessen, was Schule eben ist.

Dann beginnen Debatten häufig erst einen Schritt später.

Wie viele Hausaufgaben sind angemessen? Wann sollen Kinder sie erledigen? Wie können Eltern besser unterstützen? Wie verhindert man Streit?

Das sind berechtigte Fragen. Sie setzen aber bereits voraus, dass Hausaufgaben grundsätzlich nötig sind.

Genau diese Voraussetzung wäre zu prüfen.

Was bleibt vom Argument der Notwendigkeit?

Kinder brauchen Übung.

Für ältere Schülerinnen und Schüler gibt es Forschung, die einen positiven Zusammenhang zwischen Hausaufgaben und schulischer Leistung stützt. Eine pauschale Behauptung, Hausaufgaben seien wirkungslos, wäre deshalb nicht haltbar.

Bei jüngeren Kindern ist der Nutzen weniger eindeutig.

Gleichzeitig treffen Hausaufgaben auf sehr unterschiedliche Familien. Manche Kinder bekommen kompetente Unterstützung, andere keine. Manche arbeiten in Ruhe, andere zwischen Geschwistern und Alltagslärm. Einige Familien können bei Schwierigkeiten Nachhilfe oder andere Hilfen bezahlen, andere nicht. Für Kinder mit Lernschwierigkeiten kann dieselbe Aufgabenmenge erheblich mehr Zeit beanspruchen.

Die Frage sollte deshalb genauer gestellt werden:

Welche Aufgabe braucht dieses Kind?

Was soll es daran lernen?

Warum soll diese Übung außerhalb der Schule stattfinden?

Kann das Kind sie ohne fremde Hilfe bewältigen?

Und was passiert, wenn seine häuslichen Voraussetzungen dafür ungünstig sind?

Eine Tradition beantwortet solche Fragen nicht von selbst.

Kinder müssen üben.

Ja.

Die Notwendigkeit von Hausaufgaben ist damit noch nicht bewiesen.